Text ohne Titel

  • Door Gaiser un door Adler

    Ruhig ließ er seine Augen über die Köpfe von achtundfünfzig Schülern gleiten. Auf seiner goldenen Regimentsnadel, ein Geschenk seines treuen Weibes, standen zwischen gekreuzten Schwertern und unter leuchtender Krone auf blauem Grund zierlich die Worte: „Mit Gott für König und Vaterland.“
    Hinter ihm standen der Kaiser, das deutsche Wahlrecht und ein patriotisches Lied.
    Genau genommen hing der Kaiser mit dem flügelschlagenden Adler oben links an der Wand. Zentral an der Wand war die große Tafel verschraubt. Hoch oben das Wort „Wahlrecht“, darunter Linien, die eine Pyramide bildeten. Sie fußte auf einem Balken mit drei Begriffen: 1. Wählerklasse – 2. Wählerklasse – 3. Wählerklasse.
    Neben der Wandtafel stand eine Klapptafel mit beschriebenen Notenlinien. Zu den Noten der passende Text:

    Du Schwert an meiner Linken,
    was soll dein heit’res Blinken?
    Schaust mich so freundlich an,
    hab‘ meine Freude dran.
    Hurrah! Hurrah! Hurrah!

    Herr Bachmann liebte dieses Lied. Zwar selbst eher untersetzt mit einem leichten Hang zu einem Bäuchlein sah er sich doch gern mit dem Schwert in der Hand auf einer Anhebung stehen, wie er unter dem akkurat gezogenen und sauber pomadierten Mittelscheitel seinen Blick ruhig und kühn über das Feld und die feindlichen Heerscharen streifen lässt, den Zwirbelbart himmelwärts reckt, um dann plötzlich, wie aus heiterem Himmel, zuzuschlagen. Er wusste nicht, dass er bei seinen Knaben als ‚dor gleene Wadenbeeßer‘ gehandelt wurde. Die Knaben hatten einen sicheren Blick für das Wirkliche.
    Er platzierte seinen ehemals zierlichen Körper auf den Lehrertisch, schlug das linke Bein über das rechte, beugte sich leicht nach vorn und zog den Bauch ein. Vertrauen, sagte seine Haltung, kommt her zu mir mit euren Fragen, ihr Knaben, mir könnt ihr vertrauen, ich zeige euch den Weg.
    Und die Knaben schauen ihn mit neugierigen Augen an, Kurt allerdings nicht. Kurt hatte Angst. Nach der Stunde wird der Bachmann von ihm die Strafarbeit fordern. Kurt wusste, was ihm dann blühen würde. Die Angst vor Bachmann vermischte sich mit einer hilflosen Wut auf seinen Vater. Allein gelassen, diesem Bachmann ausgeliefert, ohgottoogott! Er schaute auf die blauen Steifen auf seiner Hand und sein Magen zog sich zusammen.
    „Also Schüler“, Bachmanns ruhige Stimme drang durch die Angstkrämpfe Kurts, „jetzt sprech ich zu euch mal wie zu erwachsenen Buben. Ihr kennt den Kaiser, ihr wisst, dass der Kaiser sich Sorgen macht um die Wohlfahrt des Deutschen Reiches. Immer muss er die richtigen Entscheidungen treffen, immer muss er die falschen Ratgeber erkennen, die Guten von den Bösen unterscheiden. Wenn so ein Sozialdemokrat wie der Hoffmann ihn als Verräter bezeichnet, da zeigt der Kaiser Großmut. Der Hoffmann weiß es nicht besser, der ist ein Neider ohne Ende. Unehelich, Waisenhaus, kaum eine ordentliche Schulausbildung, ja, da kann man doch nicht viel erwarten. Da kann er doch in unserem Staat nicht dieselbe Stimme haben bei der Wahl wie ein deutscher Offizier.“
    Der Lehrer Bachmann machte eine Pause. Er schaute auf den Kurt.
    „Und wenn ein Schüler sich über den Kaiser lustig macht, dann muss er aufpassen, dass er nicht eines Tages wie der Sozialdemokrat Hoffmann ein Feind unseres geliebten Vaterlandes sein wird.“
    Kurt fühlte sich wie der ankettete Affe auf dem Jahrmarkt, den man mit Unrat bewerfen durfte. Aber das bemerkte niemand, nicht einmal Hannes, denn alle waren mit Bachmanns Antwort unzufrieden.
    „Awor mei Mama is geene Sozialdemogradin, Herr Bachmann.“
    „Awormei Mama is geen Offizier, Herr Bachmann.“
    „Awor mei Mama find‘n Gaiser doll.“
    „Awor mei Mama will …“
    „Ruhe, verdammich noch mal.“
    Die Bande ist ja wie aufgedreht. Die will keine Ruhe geben. Was, wie? Empörung? Aufruhr? Umsturz? Diese Lausebengel! Die Peitsche!
    Herr Bachmann sprang auf. Die Stimme zitterte, Panik, Wut. Er haute mit dem Lineal auf den Tisch von Kurt Klagenfurth, dass der entsetzt seine Hände zurückzog. „Kann man sich mit euch nicht wie mit großen Buben unterhalten? Dies ist keine proletarische Quasselbude, hier herrscht Ordnung, hier herrscht Zucht und Disziplin. Mund gehalten, Hände auf den Tisch. Das verspreche ich euch: Wer hier die Ordnung stört, der wird mich kennenlernen, und zwar mit Flamme und Schwert.“
    Bachmann ließ seinen Blick über die Klasse schwenken. Achtundfünfzig Köpfe senkten sich. Die Hände lagen auf dem Tisch. Gut, sehr gut, na also. Also wieder auf den Lehrertisch, wieder das linke Bein über das rechte, Vertrauen.
    „Frauen, Schüler, sind wunderbare Geschöpfe, das wisst ihr doch. Die sorgen sich um euch, die sorgen sich um die Wohlfahrt der Familie, was wäre der Vater ohne eure Mutter. Aber“, Herr Bachmann hob die Stimme, „außerhalb des Hauses, da wo die Entscheidungen getroffen werden, da wo der Mann im Schweiße seines Angesichts das Brot für seine Familie verdient, wo der Offizier sich auf die Verteidigung des Landes vorbereitet, wo der Kaiser darauf achtet, dass die Politiker auch eine gute Politik machen, da fehlt es der Frau an Erfahrung, an Weitsicht und, wie auch manche kluge Leute sagen, da fehlt der Frau die biologische Voraussetzung, rationale, will sagen, äh, äh, also eben gute politische Entscheidungen zu treffen.“
    Herr Bachmann war sich nicht sicher, ob die Kinder alles verstanden haben, vor allem das mit der biologischen Voraussetzung, aber was soll’s.
    Es klopfte an der Tür.
    „Herein!“
    Herr Bachmann sah einen Herrn mittleren Alters eintreten, hager und hoch gebaut, der dunkle Schnurrbart ohne Bartwichse, der schwarze Anzug an den Knien leicht ausgebeult, die schwarze Jacke offen, der ebenfalls schwarzen Weste fehlte eine ordentliche Taschenuhr, am Kragen des weißen Hemdes hing eine schlaffe schwarze Krawatte, wie sie heute kein ordentlicher Mann mehr trägt, die hatte ihm wohl sein Vater auf dem Totenbett hinterlassen. Unterhalb der welken Krawatte drehten zwei verkrampfte Hände eine für den heutigen Anlass sorgfältig gebürstete Melone. Ein Hauch von Zigarrendunst umwehte den Eindringling. Was wollte der aufgemöbelte Proletarier hier?
    „Ja, und Sie sind?“
    Der Herr drehte wieder seine Melone. „Nu“, sagte er.
    „Was ‚nu‘? Sie müssen mir schon sagen, warum Sie den Unterricht der 5B unterbrechen, guter Mann. Ich hoffe doch sehr, dass Sie dafür einen triftigen Grund haben.“
    Der Herr trat einen Schritt nach vorn. Er öffnete den Mund, seine Stimme zittrig vor Aufregung: „Einen triftigen Grund“, brachte er heraus, allerdings mit einem ärgerlichen Unterton. „Mein Gudster, aber freilich habe ich einen triftigen Grund.“ Er atmete tief durch, einmal, zweimal, dann kam es wieder: „Nu.“
    „‚Nu, nu‘, kennen Sie noch andere Wörter als dieses ‚Nu‘?“ Herr Bachmann erhob sich von seinem Lehrertisch, drückte wieder das Kreuz durch. „ Ich habe zu arbeiten, die Kinder hier wollen etwas lernen und nicht nur“, Herr Bachmann schaute herablassend zu dem Proletarier hin, „immer ‚nu nu‘ hören.“
    Mit Genugtuung sah Herr Bachmann, wie der Mensch mit seiner Angst vor dem staatlich bestallten Lehrer kämpfte, wie der um seine Fassung rang. „Sehr gut“, dachte der etwas klein geratene Lehrer Bachmann und machte sich etwas größer, „sehr gut, so muss es sein“, um dann dem Menschen eine klare Anweisung zu geben: „Und nun, mein guter Mann, möchte ich sie bitten, den Raum zu verlassen, da Sie mir offensichtlich nichts Sinnvolles mitzuteilen haben.“
    Und wie der auf den Füßen wippende Lehrer Baumann mit einem Feldherrenblick und spitzen Zwirbelbart zu dem hageren Menschen emporschaute, legte dieser mit zittriger Hand seine Melone auf den Platz des erbleichten Schülers Klagenfurth und fauchte mit erregtem Mund los ohne Komma und Punkt, dass die Spucke flog.
    Und es flogen in bemühtem Hochdeutsch dem Lehrer Bachmann die Wut eines Vaters um die Ohren, die Wut auf den aufgeblasenen ‚Pinsel‘, der sich hier als Herrscher über Kinder und Väter aufspielte, der seinem Sohn fast die Hand gebrochen hätte, nur weil der gelacht hätte – „Kinder, die nich lachen, sinn keine Kinder“ – die Wut auf den Amtsmissbrauch, auf das Schlagen, Prügeln, auf diesen angelernten Feldherrenblick, auf diese unhinterfragbare Macht, die seinem Sohn die Realschule verbauen will, auf diesen …, Herr Klagenfurth suchte erregt nach einem angemessenen Wort, aber seine Wut hatte ihn fest im Griff, „…Kriepel!“
    Kriepel! Mein Gott, hatte er das gesagt?
    Ein Raunen des Entsetzens ging durch die Klasse, das Kurdle vergrub sein Gesicht in den Händen, der Lehrer Bachmann wurde blass.
    „Hannes!“
    Hannes zuckte zusammen. „Hannes, sofort zum Rektor, Meldung: Hier gibt es ein Subjekt, das den ordentlichen Ablauf des Schulunterrichts bedroht.“
    Hannes‘ Blicke flogen hilflos zwischen Kurt, Kurts Vater und dem Lehrer hin und her.
    „Los, Junge, schau nicht so dumm. Abmarsch, und zwar schnell.“
    Hannes flüchtete aus dem Klassenraum. Herr Bachmann rang um äußere Ruhe. Hier wird die Autorität in Frage gestellt, hier musste er ruhig, aber entschlossen die Ordnung wiederherstellen, bevor der Rektor die Klasse betreten würde.
    Er setzte sich hinter seinen Lehrertisch, Bauch rein, Kreuz immer noch durchgedrückt, die Augen fest auf den Feind, die Hände locker übereinander gelegt.
    „So, mein guter Mann, Ich gebe Ihnen jetzt zwei Minuten, um sich zu erklären. Erstens: Warum haben Sie sich so unangemessen in ihrer Wortwahl vergriffen, und zweitens, warum hat sich Ihr Sohn über unseren Kaiser lustig gemacht hat. Ist es in Ihrem Hause Sitte, den Kaiser zu verhöhnen? Wenn Sie mehr als nur ein „Nu“ herausbringen, wenn Ihre Erklärung in geordneten Sätzen formuliert werden kann, ja, vielleicht sogar inhaltlich zufriedenstellend ist, werde ich den Rektor bitten, dass sie Ihren Hut nehmen und diese Institution friedlich verlassen können.“
    Herr Klagenfurths Augen flogen über die Klasse, sahen die gespannten Gesichter der Kinder, sahen die aufgerissenen Augen seines Sohnes, hörte erst sein Blut in den Adern rauschen und dann schoss das rauschende Blut in seinen Kopf, dieser arrogante Pinsel, dieser Lackaffe, dieser Reservistenarsch.
    Und ‚wumm‘, machte die Sicherung und die ganze Wut eines Vaters, Vorarbeiters und Staatsbürgers der dritten Klasse flog hoch in die Luft und stürzte sich blind um sich schlagend auf den überraschten Lehrer Bachmann, und das mühsam angeeignete Hochdeutsch flog zum Fenster hinaus
    „Gomm här, du Binsl, du Laggaffe, dir bolier‘sch dei bleeds Maul.“ Mit zwei Sätzen war Herr Klagenfurth bei dem Peiniger seines Sohnes. „Sie un de bleeden Schprüche.“
    Er riss den erstarrten Bachmann von seinem Stuhl, Gottesfurcht, Königstreue und Vaterlandsliebe, so een gwadderadaddsch! Ein Stoß, und Bachmann flog gegen die Wand, dem Mittelscheitel kam die gewohnte Ordnung abhanden. „Aber mein Herr, das werden Sie …!“ Ein Griff an den Kragen würgte den Satz ab. „Du Schdobbelhobbser, meenen Sohn schlägschd du nich, du Zwägge, und meen Sohn schreebd ooch nich so‘n Mumpitz.“
    Und wie der kleine Herr Bachmann dann von der Wand weg gegen die Klapptafel flog und die letzten Zeilen des deutschen Patrioten verwischte: Schaust mich so freundlich an, / hab‘ meine Freude dran. / Hurrah! Hurrah! Hurrah! und wie die ganze Klasse entsetzt aufschrie – nur das Kurdle schrie nicht auf, das Kurdle strahlte – wie der hilflos stolpernde Lehrer bei dem aufgebrachten Vater Halt suchte, da wurde die Tür aufgerissen.
    „Was geht hier vor!“ In der Tür Rektor Kallenbusch mit gesträubtem krausigen Bart, hinter ihm links die neugierigen Augen des Schüler Hannes Dennecke. „Herr Bachmann, ich muss schon sagen! Contenance, bitte! Lassen Sie den Herren los.“
    Herr Bachmann rang um Luft. Empörung, wie kann man das hier missverstehen, was für eine Unterstellung: Er, deutscher Beamter! Er, Reserveunteroffizier des 11. Sächsischen Infanterie-Regiments, er ohne Kontrolle?
    Mit zittriger Hand richtete er seinen Anzug. Mit zittriger Stimme startete er eine Rechtfertigung: „Herr Rektor, dieser Herr, ungeheuerlich, einfach eingedrungen, haltlos, haltlose Vorwürfe, ich kann das nicht hinnehmen, ungeheuerlich …“
    „Herr Bachmann, nun beruhigen Sie sich erst einmal.“ Der Rektor Kallenbusch wandte sich an den Herrn Klagenfurth, sah einen erregten Vater, sah mit den Augen eines erfahrenen Pädagogen und Menschenfreund sofort: Hier verteidigt ein Vater seinen Sohn. Welchen Sohn? Natürlich den da neben dem Hannes, der mit den Augen trunken vor seliger Bewunderung.
    „Mein lieber Herr, vielleicht können Sie mir erklären, was hier vorgefallen ist.“
    Und der Rektor erfuhr von einem immer ruhiger werdenden Herrn Klagenfurth, zu dem das Hochdeutsch wieder durch das Fenster hereingesegelt war, dass hier ein Vater steht, ein braver Mann, Vorarbeiter, kaisertreu und patriotisch, der auf seinen braven Sohn, auch kaisertreu und patriotisch, stolz ist, manchmal ist der vielleicht etwas leichtsinnig, aber so müssen Knaben nun manchmal sein, wenn sie ordentliche Männer werden wollen. Aber prügeln lässt er seinen Sohn nicht. Das hatte er nur dem Herrn Bachmann erklären wollen, denn er ist ein Mann von ehrlichen Worten.
    Der Rektor Kallenbusch – Gründungsmitglied des ‚Bundes für Schulreform‘, begeisterte Verehrer von Comenius, Rousseau und Pestalozzi, entschiedener Gegner der körperlichen Züchtigung – strich sich nachdenklich über seinen ruhig gewordenen Bart. Er ermahnte die Klasse, sich gesittet zu verhalten, jetzt müssten die drei Männer kurz in seinem Büro etwas besprechen und verließ mit den beiden Herren das Klassenzimmer, eilte durch die Gänge, an denen Comenius, Rousseau und Pestalozzi in die Augen von Blücher, Bismarck und Wilhelm II blickten. Was sie voneinander dachten, sagten die Augen nicht, aber man kann es sich denken. Im Büro ließ sich Kallenbusch in seinen Sessel fallen und zeigte einladend auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch.
    „Herr Kollege, ist das wahr, was Herr Klagenfurth mir berichtet hat? Haben Sie seinen Sohn geschlagen?“
    Die Empörung des Lehrers Bachmann machte Nachdenklichkeit Platz. Ein Reformpädagoge in leitender Stellung, da ist Vorsicht, da ist strategisches Denken angesagt. Reformpädagogen und linke Vaterlandsverräter, da ist der Graben schmal. Wie hat der Alte nur diesen Posten bekommen? Soll der nicht mal ein Verhältnis mit einer Nichte des Geheimen Kommerzienrates Fikentscher gehabt haben? Das ist zwar lange her, aber das erklärt doch einiges.
    „Der Herr Klagenfurth, Herr Kallenbusch, sieht den Vorgang mit den Augen eines Vaters. Das ist verständlich, das ist zu loben. Aber das ändert nichts an der Tatsache, der sein Sohn den Kaiser in äußerst despektierlicher Weise verspottet hat. Im Interesse der allgemeinen und gesellschaftlichen Bildung der Schüler musste ich eingreifen, musste ein Zeichen setzen, um den Weg zu zeigen. Aber geprügelt? Nein, geprügelt habe ich selbstverständlich nicht.“
    Als jedoch der Rektor nach dem Schüler Klagenfurth geschickt hatte, als er die Striemen auf dem Handrücken des verwirrten Kindes sah, als er als studierter Germanist an Walther von der Vogelweide dachte – „Niemals pflanzt die Rute Kindern ein das Gute“ – da schaute er seinen untergebenen Kollegen ernst an: „Sehr geehrter Herr Kollege, Sie werden sicherlich den Ministerialerlass vom 19. Januar 1900 kennen, in dem darauf hingewiesen wird, ich zitiere, „dass die Lehrer und Lehrerinnen jede vollzogene Züchtigung nebst einer kurzen Begründung ihrer Notwendigkeit in ein anzulegendes Strafverzeichnis einzutragen haben.“ Die Züchtung ist offenbar, der Eintrag fehlt. Darüber werden wir noch zu sprechen haben.“
    Herr Bachmann versuchte in einer Mischung von Panik und Empörung einen Irrtum zu berichtigen, aber der Rektor brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen, dankte dem Herrn Klagenfurth für seine staatsbürgerliche Courage und seine Aufrichtigkeit, entließ die beiden mit einem herzlichen und einem kühlen Handschlag und entband die Klasse für diesen Tag von den weiteren Unterrichtsverpflichtungen.

    „… un denn hat dorr Baba ihn gäschen dä Dafl geworvn.“ Dem Kurdle strahlten die Augen. Die Mutter war erstaunt gewesen, als er so früh von der Schule zurückkam, noch erstaunter war sie, was für eine Erklärung ihr Sohn ihr da auftischte – oder sagte er etwa die Wahrheit?


    3. Ordnung

    Schwerfällig suchte sie die Toilette. Ihr rundes Gesicht war vor Anspannung verzerrt, der schmale Mund noch schmaler, die Lippen zusammengepresst. Der ruckelnde Waggon warf sie immer wieder gegen die Seitenwände. Die Tür aufgerissen, das schwere Reisekleid nach oben gezerrt, die umfangreiche Unterhose nach unten. Nein, das Kleine wollte nicht raus, die Blase war schon wieder voll. Sie öffnete den Toilettenschieber, die Schienen pfiffen in das Kabinett, die Blase hatte nicht viel zu bieten, war aber ruhig. Sie zog die Hose hoch und schleppte sich wieder zu ihrem Platz. Da zog es ihr wieder den Unterleib zusammen. Der Schmerz fuhr durch den ganzen Körper. Sie fiel auf die harte Sitzbank, atmete schwer, umfasste ihren Leib.
    Panik. Angst. Todesangst.
    Hilfe!
    Die Bremsen des Zuges griffen in die Räder, die Fahrt verlangsamte sich, das schnelle Klack Klack ging über in ein träges Klacken, dann quietschte Metall auf Metall, und dann stand der Zug.
    Marie griff hastig ihre beiden Koffer, arbeitete sich die steile Zugtreppen herunter und stand auf dem Bahnsteig. Graudenz las sie an dem verrußten Bahnhofsgebäude, eine Klammer fügte hinzu: Westpr.
    Sie blickte um sich. Links verschwanden die roten Lichter des Zuges in der dunstigen Ferne, um sie herum graue Leere, ein Gefühl der Verlassenheit sprang sie an, verlassen von Emil, der unbedingt in den Osten musste, aber sie nicht mitnehmen wollte, verlassen von ihrer Mutter, die sie aus dem Haus gedrängt hatte , verlassen von der Nachbarschaft, aber vor allem doch verlassen von Emil.
    Eine Wut der Verzweiflung nahm von ihr Besitz, ihre Hände wurden zu Fäusten, sie hätte ihre Wut am liebsten herausgeschrien, aber statt der Wut schossen die Tränen in die Augen, sodass sie die vier anderen ausgestiegenen Passagiere auf dem Bahnsteig gar nicht wahrnahm. Die beobachteten die unförmige Frau mit dem zerwühlten Haar und dem verweinten Gesicht. Die kannten sie nicht, und hier kannte jeder jeden. Eine Frau näherte sich der Marie.
    Gdzie idziesz?
    Marie schaute die Frau verständnislos an. Sie hatte die weiche Sanftheit der Worte wahrgenommen, aber dass sie nach ihrem Reiseziel gefragt wurde, verstand sie nicht.
    „Das Kind“, sagte sie immer, „das Kind, das Kind will kommen.“
    Sie sah mit einem leichten Erschrecken, wie die Frau vorsichtig ihre Hand aussteckte und ihren Bauch abtastete, sah, wie sie den anderen zunickte, sie herbeiwinkte, fühlte sich umkreist, fühlte die Blicke auf sie herunterprasseln, hörte die weiche, aber unverständliche Sprache, warum schütteln sie ihre Köpfe, warum zeigen die nach drüben, jenseits der Schienen, warum wollen sie auseinandergehen, die können mich doch nicht hier sitzen lassen.
    Sie ließen sie nicht sitzen. Während die anderen sich wohl auf ihren Heimweg gemacht hatten, wandte die Frau sich wieder Marie zu. Sie fasste mit der einen Hand einen Koffer. „Przyjdźcie na“, sagte sie, und mit der anderen Hand zupfte sie an Maries Mantel, wollte sie mit sich ziehen, und Marie – was sollte sie denn machen – ließ sich trotz ihrer wachsenden Beklemmung fortziehen, vorbei an spärlich beleuchten Wohnzimmerfenstern, quer über einen dunklen Platz bis vor ein Backsteinhaus mit einer braun gestrichenen, leicht rissigen Holztür. Zentral oben an der Tür in einem hellen Oval eine aufgeklappte Schere. Und wenn es nicht schon so dunkel gewesen wäre, dann hätte man auch den Fingerhut oben zwischen den beiden Schneiden sehen können und den feinen Faden, der sich gleichsam wie ein verschlungenes Zett um die Schere schlängelte und in einer Nadel endete.
    Das war eindeutig, da brauchte es keinen Schriftzug, hier konnte eh kaum jemand lesen.
    Die Frau klopfte an die Tür, rief etwas Unverständliches, drinnen schlurfte jemand zu Tür. „Salomon“, hörte Marie, und wieder diese sanften Laute.
    Die Tür öffnete sich. In der Tür stand ein älterer Mann mit einer grauen Halskrause als Bart und mit einer Petroleumleuchte in der Hand. Er schaute halb erschrocken, halb fragend die beiden Frauen an.
    Die Polin schob Marie nach vorn: „Niemka ma tutaj problemy.“
    Das ‚njemka“ kannte Marie von ihrem Mann, der in seinen Briefen oft über die polnischen Arbeiter geflucht hatte, und sie ahnte, dass die Polin dem Salomon – war das ein Jude? – erklärte, dass diese Deutsche Probleme hatte. „Oi“, hörte sie, „Rahel, kum geschwind.“
    Was war das? Das war doch kein Polnisch, aber doch auch wieder kein Deutsch, aber dann doch irgendwie schon.
    „Jo mentsch, wos is es.“ Eine reife Dame im karierten Hauskittel mit einem grauen breiten Schal um die Schultern schob ihren Mann beiseite und schaute mit angriffslustigen Augen auf die beiden Frauen vor der Tür. „Wos ton ir zwey weln?“
    Da füllten sich Maries Augen wieder mit Tränen. Sie lehnte sich erschöpft an den Türrahmen, keine Panik mehr, nur Verzweiflung. Hilf mir Frau, hilf mir, riefen die Augen. Rahel sah den Blick und wusste, was zu tun war, rief der Polin ein dankbares ‚do widzenia‘, schob ihrem Mann die beiden Koffer hin und scheuchte ihn in das Haus – der war ein guter Schneider, aber hier war er nutzlos – umarmte die Marie – „Meyn toyb, alts wet seyn fayn“ – und besann sich auf ihre Kundschaft in Bromberg, echte Deutsche, was nicht immer etwas Gutes bedeuten musste, aber in diesem Fall doch ein Glücksfall war, denn wer den Deutschen etwas verkaufen wollte, musste Deutsch sprechen können, und das konnte sie, der Salomon auch, jedenfalls das Nötigste.
    Plötzlich sackte Marie mit einem sanften Schrei zusammen, schaute entsetzt auf ihre langen Strümpfe, die sich langsam feucht verfärben.
    „Oie, oie, oie“, schrie Rahel, „Loifn, Salomon, brengen Miryam aun ir tokter“
    Salomon machte große Augen. Miryam? Um diese Stunde? Und auch noch ihre Tochter, die Hebamme?
    „Nu ton nit kukn wi aas. Si is bey a kindle zu bakumen.”
    Salomon schaute entsetzt die Deutsche an, die von Sarah auf einen Stuhl geschoben worden war. Ihre Strümpfe waren nass, ihr Gesicht bleich wie Schnee. Salomon fuhr hastig in seine Felljacke, haute sich die Lederkappe auf den Kopf und stürzte aus dem Haus.
    Sarah riss das Wachstuch von dem Tisch, lief ins das Schlafzimmer, fegte die Bettdecke beiseite, legte das Wachstuch auf das Bett, legte darüber ein weißes Laken, legte Handtücher bereit, griff den größten Topf, den sie hatte, füllte ihn mit Wasser und setzte ihn auf den Herd. Sie rührte einen Trank zusammen. In ihre Aufregung vergaß sie ihr Kundendeutsch: „Trinken meyn toyb, es wet helfn dir.“
    Marie beobachtete die geschäftige Frau mit einer Mischung von Angst und Ausgeliefertsein, wie sie da in dem dünnen Licht der Petroleumleuchte zwischen der schlichten Wohnküche und dem Schlafzimmer so eilig hin und her huschte, dass sie Petroleumleuchte an der Decke ins Schwanken geriet. Sie sah an der Wand fast schattenhaft eine wunderschöne Kachel, auf der zierliche Vögel zwischen geschwungenen Ranken ein rundes weißes Feld umrahmten, in dem symmetrisch angeordnet sechs Zeilen in hebräischer Schrift zu lesen waren. Die Botschaft dieses Haussegens war schlicht, und auch für eine Deutsche verständlich, da unter der hebräischen Schrift die deutsche Übersetzung stand.jüdischer haussegen-dt

    Die Versprechungen dieser „Insel“ entgingen ihr, sie sah nur die jüdischen Schriftzeichen. Mein Gott, sie war in ein Haus von Juden geraten. Und plötzlich sah sie auf der Anrichte in dem schwankenden Licht den Chanukkaleuchter, größer und kleiner wurde er, verschwand und tauchte wieder auf, warf lebendige Schatten auf die Holzwand, ließ seine acht Arme aufleuchten und verglimmen. In diesem schwankenden Halbdunkel hörte sie ihren Großvater, der ihr Geschichten erzählt hatte von den kleinen Christenkindern, deren Blut auf den Familienfeiern während des Passahfestes herumgereicht wurde und mit deren Blut die magische Sprüche ihre Kraft bekamen, um die Quellen und Brunnen zu vergiften. Ja, der Großvater wusste sogar von einem jüdischen Arzt, der das Blut christlicher Kinder in Phiolen präparierte, um es als Heilmittel gegen Gicht oder Alterszittern einzusetzen.
    Mein Kind, die wollen mein Kind. Die Frau am Bahnhof steckt mit den Juden unter einer Decke. Was wird mir denn so schwindelig! Was hat die Frau in das Wasser getan?
    Marie atmete hastig, Wellen der Angst, Luft, Luft, die Juden, das Kind, oh, die Schmerzen, ich will das nicht, Emil.
    An der Türe wurde es laut, zwei Frauen in dunklen Mänteln, den Kopf in Tüchern verhüllt, kamen hinter dem Salomon in den Raum, eilten an Salomon vorbei, überfluteten Marie mit einem Schwall von unbekannten Lauten, streichelten ihr die Wange, tasteten ihr den Bauch ab, nickten zufrieden. Das Kleine will raus und zwar Kopf zu erst. Wunderbar. „Atmen, du musst ganz tief atmen“, sagte die eine und legte ihr die Hand auf die Brust. Sie wurde auch von den Deutschen zu Hilfe geholt. Marie wusste dies nicht, sonst wäre sie ruhiger gewesen.
    Kaum hatten sie Marie auf das Bett geholfen, sie von allen Kleidern befreit, Ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben, ein nasses, gedrehtes Handtuch in die Hand gedrückt, da schrie Marie auf. In ihrem Unterleib tobte es, eine gewaltige Faust wollte ihr das Kind zerquetschen. Rahel nahm ihre rechte Hand, Maryam drückte ihr das nasse Handtuch zwischen die aufgerissenen Zähne, ihre Tochter hatte ihre Hand auf Marias Bauch.
    „Druk, meyn toyb, druk“, riefen sie und Marie drückte, der Schmerz flog ihr um die Ohren, druk, druk, sie drückte mit alle Kraft, die in ihr wohnte, biss in das nasse Handtuch, der Schmerz wollte ihren Leib zerreißen. Dann umarmte sie eine weiche Wolke, ein Lachen flog auf zur Decke. „Es kumt, meydele, es kumt.“
    Und dann war Ruhe, Maryams Tochter griff den Zwirn, den Salomon zur Geburt beisteuert hatte, bevor er das Haus fluchtartig verlassen hatte, um dem Mendel von dieser Deutschen zu erzählen, die die Nacht gebracht hatte, schlang den Zwirn um die Nabelschnur, und der Kleine war abgenabelt.
    Der Kleine schrie sich mit wunderbare Kraft in das neue Leben, sogar Maria lächelte schwach. Und nachdem er in dem warmen Wasser von den Überresten der Geburt gereinigt und auf Maries Brust gelegt wurde und leise vor sich hingurrte und schmatzte, da was sie da, die Heiterkeit, vereint mit Glück und Freude.
    „Oie“, sagte Rahel, „Vos a prektik eyngl.“

    6 Partnerwahl
    „Diskutieren Sie vor dem Hintergrund des Zitats „Mit Hölderlin und Rilke im Tornister nach Russland“ die Frage: Was hat Kunst mit Politik zu tun?“
    Ich bin richtig stolz auf dieses Klausurthema. Vorbereitend hatten wir uns Günter Eichs Gedicht „Latrine“ angeschaut. Tolles Gedicht. Das lyrische Ich, wenn man es hier so nennen darf, entleerte gerade über einem Graben voll Blut und Urin seinen Darm. „In den Schlamm der Verwesung / klatscht der versteinte Kot. / Irr mir im Ohre schallen / Verse von Hölderlin. / In schneeiger Reinheit spiegeln / Wolken sich im Urin.“
    Ich hatte dem Kurs Hölderlins „ Der Tod fürs Vaterland“ auf die Tische gelegt.
    Umsonst zu sterben, lieb ich nicht, doch
    Lieb ich, zu fallen am Opferhügel
    Das war für den Kurs recht befremdlich, denn sterben wollte keiner von denen, schon gar nicht an einem Opferhügel, doch die Schlusszeilen, ja, da gab es eine heftige Diskussion.
    Lebe droben, o Vaterland,
    Und zähle nicht die Toten! Dir ist,
    Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.
    Für Sabrina war das klar: „Das ist ein Aufruf zum Opfertod an der Ostfront ganz im Sinne der Nazipropaganda.“
    Sascha, der sonst so Maulfaule, nahm das nicht hin. „Wieso Opfertod? Die kämpften doch immerhin gehen des Kommunismus. Das hat doch nichts mit Nazis zu tun. Das ist doch Ehrensache.“
    Sebastian stimmte Sascha zu: „Heute darf man ja den Begriff Vaterland nicht mehr in den Mund nehmen. ‚Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.‘ Das ist von Horaz, Herr Klagenfurth, das ist klassisches Erbe, das ist Teil der europäischen Kultur.“
    Tammo hat einen klaren Standpunkt: „Vaterland, Vaterland, was für eine abgekackte Scheiße ist das denn? Ja, seht ihr denn nicht, dass Eich dem Hölderlin zurecht auf den Kopf gekackt hat, dass er aber gleichzeitig als Soldat Teil einer internationalen Zerstörung der Natur durch den Krieg war?“
    Ich bat den Tammo, sein Sprachverhalten  zu kontrollieren.
    Sebastian stöhnte: „Was für ein Quatsch.“
    Sabrina konzedierte: „Das ist ein tragfähiger Ansatz für eine weiterführende Diskussion.“
    Sascha wusste nicht, was der Latrinengraben mit Naturzerstörung zu tun haben wollte. Seine Notdurft zu verrichten sei doch schließlich ein ganz natürliches Bedürfnis.
    Ach ja, der Kurs. Der gibt mir doch immer wieder Schwung. Nach dem durchzensierten Wochenende schiebe ich den Stapel beiseite. Wie schön, die haben einiges gelernt. Nur Sascha, das Schlafauge, der nicht. Der ist seine Unwissenheit offensiv angegangen und hat vermutete, dass es sich um einen Schultornister handeln würde und es daher heißen müsste: Mit Hölderlin und Rilke im Schultornister nach Russland. Irgendwie ist er auf die Transsibirische Eisenbahn gekommen und hat sich in der Weite der Taiga verlaufen.
    Ich ziehe mir noch einmal Sabrinas Arbeit heraus. „Wer sich als Künstler nicht mit Politik befasst, hat die politische Parteinahme, der er sich verweigern möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Klasse.“
    Ich hörte den O-Ton einer stromlinienförmigen Diskussion beim wöchentlichen Treffen der Linksjugend im Kulturhaus an der Hermannstraße. Aber auch Slogans tragen eine Wahrheit in sich, über die es sich lohnt nachzudenken.
    Doch Sabrinas Schlussbemerkungen treffen mich ins Mark. „Deshalb möchte ich abschließend Max Frisch zitieren. „Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleiche Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich – wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unsrer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, dass ich davor gesichert sei?“
    Das letzte säuberlich unterstrichen.
    Schieben wir einmal beiseite, dass Sabrina entweder ein phänomenales Gedächtnis hat oder – wahrscheinlicher – einen sehr klug vorbereiteten Spickzettel, sie hat genau das formuliert, was mich mit zunehmendem Alter immer deutlicher bewegt. Und jetzt, wo ich begonnen habe, den Bericht meiner Schwester zu lesen, scheint mir diese Satz noch wichtiger geworden zu sein.
    Darüber muss ich einmal nachdenken. Ich muss in letzter Zeit überhaupt öfters „einmal nachdenken.“
    Aber ich bin nicht der Einzige, der im Augenblick „einmal nachdenkt.“ Also, da gebe ich die Klausur zurück, zeige mich erfreut über die interessante Lektüre, die mir das ungeliebte Korrigieren erleichtert hat, hebe Saschas eigenwilligen Ansatz hervor, der jedoch dem Thema eine zu eigenwillige Note gab – Sascha schaut mich zweifelnd an – zeige mich von Sabrinas „vorbildlichem Spickzettel“ beeindruckt – Sabrina lächelt leis – und lobe Sebastians mutige Auseinandersetzung mit dem Thema.
    Sebastian schaut mich grau an. Er hat zwölf Punkte. Ich sehe es in seinen Augen: Es müssen ja nicht gleich fünfzehn sein, aber dreizehn wäre auf jeden Fall angemessen. Vielleicht hat er Recht, aber ich mag seine Sehweise einfach nicht. Wieso kann er nicht verstehen, dass es für einen durch den Wolf gedrehten Landser einfach nahe liegt, dass sich Hölderlin auf Urin reimt?
    Bestrafe ich ihn jetzt für seinen Mut? Oder für seine Uneinsichtigkeit? Durch Zwang zur Einsicht? Ich denke schon wieder nach und schleiche ins Lehrerzimmer, sehe im Vorbeigehen, wie die Langenau ihr spitze Nase gerade in Hajo versenkt. Sie will von ihm wissen, warum er immer noch Fleisch isst. Jeden Tag führt er seine Dackelin Daisy Gassi, lässt sie geduldig von Rollo beschnuppern, der auch Gassi geführt wird. Steht eine Fahrradtour an, wird Daisy zärtlich ihn den Fahrradkorb gehoben, der natürlich vor der Lenkstange angebracht ist, damit Daisy auch einen freien Blick auf die Welt hat. „Und am Abend haust du Lammsteaks auf den Grill. Das ist doch paradox. Du kannst doch keine Tiere streicheln und gleichzeitig deren Fleisch essen.“
    Als Hajo darauf verweist, dass er kein Hundefleisch isst, setze ich mich dazu. „Die Chinesen essen Hundefleisch“, sage ich.
    „Ich bin kein Chinese“, sagt Hajo.
    „Aber Schweizer, die essen auch Hundefleisch.“
    „Wie bitte?“
    „Der Bauer Bruno Schrupp aus dem St. Galler Rheintal isst für sein Leben gern geräucherten Hund.“ „Wo hast du das denn her?“
    „Aus dem SonntagsBlick“.
    Hajo verdreht die Augen. Die Langenau schaut mich nervös an. Das Boulevard Blatt mit dem geruhsamen Namen sagt ihr nichts, aber sie argwöhnt, dass ich ihre Argumentationskette sabotieren will.
    .l..
    Der Entenbraten drehte Däumchen, das Rotkraut hatte keinen Dampf mehr und die Kroketten schauten freudlos auf dem Tisch herum. Familie Logemann im Stimmungstief. Die Mutter drehte zum vierten Male eine Krokette in der Soße herum, der Vater hielt sich an seinem Weinglas fest und suchte in dem klaren Rieslings nach irgend einem Geheimnis, die Tochter hatte den halb gefüllten Teller beiseitegeschoben, und Magda, Köchen und Mädchen für alles, hatte sich in die Küche geflüchtet. Die Uhr an der Wand stand still.
    „Wann möchtest du denn deine Hochzeit haben?“ Mit dieser freundlichen Frage der Mutter hatte es begonnen. Als Gerda stumm einen Entenhappen mit eine kleinen Portion Rotkraut umständlich und endlos zu kombinieren suchte, kam es vom Vater: „Gerda, Kind, wann willst du denn dem Hannes deine Hand geben?“
    Gerda legte Messer und Gabel aus der Hand, schaute die Eltern an. Der Mutter legte sich eine eisige Hand um das Herz, der Vater ballte die Faust.
    Herr und Frau Logemann kannten ihre Tochter, sie kannten diesen Blick. Sie wussten: Da atmet jemand tief ein, da wird ein Groll mühsam im Zaume gehalten, wird ein großes Nein immer mächtiger, da wird gleich der Fuß auf den Boden gestampft: Nein, nein, nein, ich will das nicht, ich will das nicht! Und dann fliegt eine Puppe gegen die Wand.
    Es flog keine Puppe gegen die Wand, es stampften auch nicht wütende Füße auf den gepflegten Fußboden. Aber der Groll fegt die friedliche Tischatmosphäre hinweg.
    Ein Überfall war das, ein Hinterhalt, eine Schmierenkomödie, sie auf die Bühne zu holen und dann vor vollendete Tatsachen stellen, unten die johlenden Männer, oben der feixende Vorstand, sie als Handelsware, hier meine Tochter, da die SA, hier ein deutsches Mädel, da eine Karriereleiter. Ein deutsches Mädel? Du hast von der deutschen Frau gesprochen? Das ist genau so ein Schwachsinn! Demnächst auch noch blonde Zöpfe für mich und ein Dirndl!
    „Kind“, sagte die Mutter, „du magst doch den Hannes, ihr geht doch schon lange miteinander. Willst du erst eine Verlobung?“
    Gerda wollte keine Verlobung, sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt grundsätzlich eine Ehe wollte. Sie sah ja, was aus ihren Eltern geworden war. Er saß da hinter seiner Zeitung am Frühstückstisch und schob seiner Frau ab und zu eine Zeitungsnachricht zu, von der er meinte, das würde oder sollte sie interessieren. Die Frau nickte mit dem Kopf, na so was, das ist ja kurios, wer hätte das gedacht, da sollte man doch mal…
    Dann ging er ins Gericht, und sie griff sich die Zeitung und schenkte sich noch eine Tasse ein.
    Nein, das war nichts für Gerda. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Kurt jemals so ein Ekel werden würde. Dazu fehlte ihm die Streitlust. Konflikte liebte er nicht. Er liebte die große Geste, mit der er seine Umgebung unterhalten konnte. Und das konnte er ausgezeichnet.
    Und Hannes? Da war sie nicht sicher. Der wusste oft nicht, wohin mit seiner Kraft. Vor allem: Der wusste – wie ihr Vater – genau, was richtig und was nicht richtig war. Und wehe, du stellst wie vorsichtig auch immer eine seiner Überzeugungen in Frage. Da fühlte er sich gleich als Person in Frage gestellt.
    Da war Simon anders. Der stellte alles in Frage, auch sich selbst. Bis jetzt hatte er mit seinen überraschenden Bemerkungen, seinen ungewohnten Gedanken, ja, sogar mit seinen Selbstzweifeln in ihr eine Art Neugier geweckt, Neugier worauf? Keine Ahnung. Aber eben Neugier.
    Also Simon? Junge, Junge, Gerda, das ist eine gute Frage. Sie war sich nicht sicher, ob sie nicht nur aus einer Art weiblichen Schutzsyndrom heraus den Simon damals aus der Kneipe gerettet hatte.
    „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt heiraten möchte.“
    „Wie bitte?!“ Der Vater setzte sein Glas ab, das er gerade zum Munde führte.
    „Mädchen, was redest du da!“ Die Mutter ließ die Arme mit Messer und Gabel auf das Tischtuch sinken.
    „Ich weiß nicht“, sagte die Tochter.
    Der Vater war empört, die Mutter verunsichert. Der Klagenfurt, da waren sich beide sicher, dahinter steckte der Klagenfurth, der Prolet, der Möchtegernaufsteiger. Sein Vater soll ja ein Zigarrendreher sein. Seine Mutter, na das weiß man doch, herausgekrochen aus einem dunklen Kellerloch, in dem sich die Kinder gegenseitig auf die Füße traten.
    In seltener Eintracht schaukelten sich die Eltern hoch in eine Wut auf den unschuldigen Kurt Klagenfurth, Einzelkind und mit Eltern bedacht, die stolz waren auf ihren mühsam erarbeiteten bürgerlichen Lebensstil.
    „Na, vielleicht verlob ich mich doch. Sogar die Wedekind hat sich verlobt, die Pamela, mit dem Klaus Mann. Obwohl der schwul ist, wie mir ein guter Freund erzählt hat. Erstaunliche Frau.“
    Der Vater schoss in die Höhe, der Mutter fiel der Mund offen. Sie atmete schwer. Er legte los: Was für ein Vergleich – Hannes ist nicht schwul – Bist du verrückt – Die Wedekinds, alles Pornographen – schamlos, schamlos – eins hinter die Ohren – Luder, du perverses Luder – krank, krank bist du– – Die Manns, Juden und Päderasten – dir werde ich zeigen – wie kannst du nur – dekadentes Gesocks – da gehörst du hin – Schande, du bist eine Schande – unsere Familie – die Kollegen …
    Herr Logemann sprang mit einer erstaunlichen Behändigkeit auf Gerda zu, packte sie am Arm und schleuderte sie auf einen Stuhl. „Was ist das für ein guter Freund, mit dem du dich über diesen Abschaum unterhältst? Auch ein Schwuler, wie?“
    „Nein“, sagte Gerda, „ein Jude.“

    6. Die Tanzschule

    „Ja, der Putschversuch von Hitler und Ludendorff in Bayern ist gescheitert. Da hat unsere junge Republik doch bewiesen, dass sie stark ist. Da kann man doch stolz auf Deutschland sein.“
    Der junge Mann schaute Elfriede erwartungsvoll an. War das jetzt zu politisch? Hab ich jetzt das Richtige gesagt? Hab ich es vermasselt – wie immer?
    Er war sich nicht sicher. Er war sich bei Elfriede eigentlich nie sicher, denn Elfriede konnte wunderschön lächeln und alles, was sie sagte, war richtig, schön und gut. So auch jetzt. „Da hast du recht, Simon, ein stolzes Deutschland ist auch ein gutes Deutschland.“
    Aber wie sie das sagt! Meint sie das? Ist ihr das egal? Nimmt sie mich überhaupt ernst? Nimmt sie sich ernst? Ist ihr damenhafter Blick, der immer nur kurz von ihrem Lächeln unterbrochen wird, eine einstudierte Pose? Hoffentlich nicht. Simon mochte diesen damenhaften Blick und er mochte die Elfriede. Er wusste nicht, ob er in sie verknallt war, aber es kam dem mit Sicherheit sehr nahe.
    Die beiden hatten gerade in Schallers Tanz- und Turnlehr-Institut erfahren, wie man anständig mit Messer und Gabel bei Tisch umgeht und warteten jetzt auf die Einführung in den Tango.
    Der schmalhüftige Eduard und die schmalgliedrige Hannah aus dem weitläufigen Schaller Clan bauten sich auf, er umfasste sie mit links, sie die rechte Hand auf seiner Schulter, die beiden anderen Hände elegant auf Kopfhöhe vereint, und dann glitten sie hinein in den züchtigen Standard Tango, eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön. Eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön.
    Simon war ganz begeistert, was jedoch nicht ganz unproblematisch war, denn der Kaiser Wilhelm II, der doch für ein stolzes Deutschland stand, hatte in einem Tagesbefehl 1913 seinen Soldaten bei Strafe von Karzer verboten, „den Tanz ‚Tango‘ zu tanzen. Dieser anrüchige Tanz ist in der Lage, die Moral der Truppe zu untergraben.“
    Es ist zu schade, dass Simon diesen Tagesbefehl nicht kannte. Was für eine Alternative zu der abgegriffenen Dolchstoßlegende. Nicht die Sozialisten haben dem Heer den Dolch in den Rücken gejagt, es war der elegante Tangoschuh. Wenn die Granaten über die Schützengraben orgelten und das Umland umpflügten, bauten die Landser das Grammophon auf, legten El Choclo auf den Plattenteller, drehten die Kurbel, und ab ging die Post. Sie griffen sich um die Hüften, schauten sich männlich stolz in die Augen, den Kopf erhoben, das Kreuz emporgedrückt und hoben ab: eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön. Die Franzosen fluteten die Schützengräben, die Bajonette mörderisch vor sich hergeschoben, wie, wenn sollten da stechen, da wurde getanzt, eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön, ja was soll man da machen, da kann man doch nicht stechen, da kann man doch nur: eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön. Die Granaten hörten auf zu orgeln, die Landschaft schob hier und da das ersten Gänseblümchen an die frische Luft, das Gas hob sich hoch in den Himmel und eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön.
    Friede.
    Und Freude.
    Und Eierkuchen. Natürlich alles nur ein schräger Traum, aber ein schöner Traum.
    Wie ich schon sagte, Simon kannte den Tagesbefehl nicht. Er bemerkte in seiner Aufregung auch nicht, dass Elfriede ihre Antennen in eine andere Richtung ausgefahren hatte. Drei Tische weiter saß Gerda Logemann, diese Sumpfschnepfe, aufgetakelt wie eine Galeere, hoch bewimpelt mit protziger Kette auf enger Bluse. War vor kurzem in der Gärtnerei aufgetaucht. „Elfriede, fünf Chrysanthemen, mach mal was Hübsches draus, ach ja, und ein Bouquet für den Ball bei Hofmeisters, Anemonen und Rosen.“
    Angeberin. Bildet sich was ein, nur weil der Vater Gerichtsassessor beim Amtsgericht ist. Wieso ist der immer noch Assessor? Hat wohl in Meißen nicht geklappt und jetzt versucht er hier sein Glück. Das wird wohl nichts werden. Wer kombiniert schon Anemonen und Rosen. Abartiger Geschmack. Das lässt tief blicken. Die Logemanns, zugewandert aus Norddeutschland. Was kann man da schon erwarten! Alle Frauen knochig wie Bohnenstangen. Aber der Kerl da neben ihr, wer ist denn das, den kenn ich gar nicht. Dauerwelle auf dem Kopf, was? Affe. Aber irgendwie hat der was. Hat der graue Augen? Tatsächlich, der hat graue Augen. Was quasselt denn der die ganze Zeit. Die blöde Gerda himmelt den ja richtig an. Nein, die ist amüsiert, die kichert.
    Sein wir ganz genau. Gerda kicherte nicht amüsiert, sie kicherte, weil der Kurt sie gerade in die Erotik des Tangos eingeführt hatte.
    „Gerda“, sagte Kurt und strich kurz über ihre rechte Hand, „ich habe vorhin noch mit dem Schaller über sein Unternehmen gesprochen, die wirtschaftlichen Perspektiven, die künstlerische Ausrichtung, die neuen Musikrichtungen, na, du weißt schon. Also was der mir erzählt hat! Ich muss sagen, der Mann hat Mut.“
    Gerda hing an seinen Lippen. Ach, was tut das gut, jetzt noch eins drauf setzen. „ Tango in Paris, kein Problem, in London, wieso nicht, aber in Deutschland. Gerda, du glaubst gar nicht, was für Spießer hier die Diskussion um diesen Tanz bestimmen. Da beklagt ein Bischof, dass dieser schamlose, heidnische Tanz ein Attentat auf das Familien- und Gesellschaftsleben bedeutet. Ja, das sehe ich ganz anders. Etwas Heidentum und etwas Schamlosigkeit würde unseren deutschen Ehebetten ganz gut tun.“
    Das war der Moment, als Gerda etwas zu kicherich kichert. „Schamlosigkeit!“ In ihren Bauch legte sich ein Schalter um, und die Summspirale begann zu summen.
    „Wusstest du“, und Kurt legte seine Rechte auf Gerdas Linke und ließ seine grauen Augen leuchten, „dass zum Fasching vor zehn Jahren die Polizeidirektion in München den Tango ein für alle Mal verboten hatte?
    Das wusste Gerda nicht. „Warum hatten die ihn verboten?“
    „Weil“, und Kurz zog Gerdas Hand kaum merklich zu sich heran, „ der Tango das Sittlichkeitsgefühl verletzt. Die Tänzerin spreizt häufig die Beine seitwärts, sodass man die Unterkleider und die Strümpfe sieht.“
    Gerdas Atem hatte sich merklich beschleunigt, ihre Hand war leicht feucht, was Kurt mit Interesse wahrnahm.
    Da verkündigte Schaller „Attention“, und zwar rief er nicht ättäntschn, sondern attangssion, wie es sich gehörte, und die Paare nahmen auf der Tanzfläche ihre Stellung ein, nicht so elegant wie Eduard und Hannah, aber Schaller war ganz zufrieden.

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